| Was ist Alchemie ?
Natürlich ist es in wenigen Worten eigentlich gar nicht möglich
zu beschreiben, was Alchemie ist. Sie wirklich zu verstehen ist
etwas, das dem Praktiker in jahrelanger Betrachtung und innigem
Bemühen zuwachsen kann. Alchemie ist ein praktischer Weg der
Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen Stoff und Geist, im Kosmos
und im Menschen. In einem Wort gesagt: Alchemie ist die Wissenschaft
vom Leben und ein Weg der Selbsterkenntnis.
Begriff
Man kann bei dem Begriff der Alchemie vom Wortsinn, der aus dem
Arabischen stammt, ausgehen. Im Deutschen haben wir darin die Worte
„All” und „Chemie”, sozusagen Chemie des
Weltalls, eine Chemie des „Alles”. Tatsächlich
befaßt Al-Chemie sich mit den zeitlosen Gesetzen der Entstehung,
der Verwandlung und Entwicklung des Kosmos in allen seinen Erscheinungsformen.
Sie befaßt sich mit Schöpfung, Evolution und Erlösung.
Sie ist d i e zeitlose Wissenschaft des Lebens schlechthin, so wie
das Leben selbst Alchemie ist. Die Quellen ihrer Erkenntnis gehen
weit zurück auf übersinnliche und göttliche Inspiration
und werden auch heute durch diese letztlich nur lebendig erhalten
bzw. wiederbelebt. Das ist die feste Überzeugung der Alchemisten.
Jede Kultur hat ihre eigene alchemistische Tradition hervorgebracht
bzw. entwickelt. Bekannte und noch relativ intakte Traditionen findet
man in der tibetischen, indisch-ayurvedischen und z.T. in der chinesischen
Medizin. Auch wieder bei den Indianern und anderen schamanistischen
Praktiken.
Geschichte und Christentum
Die europäische Alchemie leitete sich vor allem über
das Griechentum und Rom von den Ägyptern her. In Gestalten
wie Merlin verschmolz diese Tradition zu Beginn der christlichen
Zeit mit dem alten Druidentum. Hermes Trismegistos, der auch als
der Gott Thot angesehen wird, war der Begründer der ägyptischen
Mysterienkultur. Von ihm leitet sich die europäische Alchemie
her.
Hermes wird die Tabula smaragdina zugeschrieben, jenem Ur-Testament
der Alchemisten, das u.a. das ewige Analogiegesetz „wie oben,
so unten, wie innen so außen” erstmals beschreibt. Nach
Legenden soll diese Tafel Bestandteil jenes Steines sein, der später
über die Juden zu Joseph von Arimathea als die Schale gekommen
ist, in der Christi Blut aufgefangen worden ist und die später
als „der Gral” wieder auftauchen sollte. Der Ursprung
dieser Schale wiederum sei die Krone Luzifers, wovon sie ein Zacken
war, bevor sie bei Luzifers Kampf mit Michael auf die Erde fiel.
Bevor die Alchemie in Europa durch die neuzeitlichen Entwicklungen
verdrängt wurde, hatte sie eine Höhe erreicht, von der
bis heute insbesondere die gothische Architektur aber auch die Kunst
Zeugnis ablegen können. Die kulturelle Blüte des Hochmittelalters
ist vorrangig der Alchemie und ihren universellen Forschungsbestrebungen
zu verdanken.
Erst später verfinsterte sich dieses Bild zu der Vorstellung,
die wir heute noch vom Mittelalter haben mit Erscheinungen wie der
Inquisition.
Bis zur Zeit Goethes kann man indes den bestimmenden Einfluß
der Alchemie auf die europäische Geisteskultur nachweisen.
Maßgebliche Prägung erhielt diese durch das Mönchstum,
insbesondere die Dominikaner und die Zisterzienser. Das war zugleich
die christliche Prägung der Alchemie, ihr Verschmelzen mit
der Gralslegende (Stichwort: Templerorden und sein Gründer:
der Zisterzienser Bernhard von Clairvaux) einerseits und der christlichen
Mystik andererseits.
Für letzteres steht z.B. Hildegard von Bingen, die ihrereseits
eine Verehrerin Bernhard von Clairveaux‘ war, und später
der Schuhmacher und Mystiker Jakob Böhme, der „philosophus
teutonicus” sowie der Mystiker Angelus Silesius, dessen Texte
noch heute in Kirchenliedern zu finden sind: „Klar ist der
Leib, klar wie Kristall, Rubinen gleich die Wunden all. Die Seel’
durchstrahlt ihn hell und rein, wie tausendfacher Sonnenschein,
Halleluja!”
Zu nennen sind hier weiter vorrangig Namen wie Albertus magnus,
Thomas von Aquin, ausgewiesene Kenner der Alchemie; auch Meister
Eckhart, Alanus ab Insulae und andere. Einer der berühmten
Adepten der Alchemie war der Benediktinermönch Basilius Valentinus,
dem „Der Triumphwagen des Antimon” zugeschrieben wird.
Andere wie Nikolaus Flamel und Raimundus Lullius suchten und fanden
ihre Einweihung auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostella,
der sowohl ein Weg der Steinkünstler und Bauleute, als auch
der Alchemisten war. Ihrer aller Schutzpatron war der heilige Jakob,
ebenso wie der Erzengel Raffael, der auch Patron der Wanderer, Pilger,
Ärzte und eben auch der Alchemisten war bzw. ist.
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